Anno 2057, die Welt: Ein einziges Chaos.
Die Franzosen können keine Baguettes mehr sehen, die Japaner versagen in Sachen Automobilherstellung, die sudanesische Armee marschiert in die USA ein – aber ein Land, ja in einem Land, da ist noch alles, wie es vor 50 Jahren war. Deutschland hat noch seine Bürokratie, yes!
Welch Dreistigkeit ich mir da heute eigentlich erlaubt habe, doch tatsächlich mit einem Führerscheinantrag ins Rathaus zu gehen und zu erwarten, dass ich sämtliche Formblätter korrekt ausgefüllt, alle beizulegenden Dinge beigelegt habe und mein Antrag auch noch bearbeitet wird!
Aber der Reihe nach. Ich betrete, in Begleitung meiner werten Mutter, die heiligen Hallen der Gemeinde und trete an den Schalter – hierbei sehe ich schon, dass ich mal wieder eine Niete gezogen habe und die Dame erwischt habe, die damals bei meinem Personalausweis schon so rumgezickt hat. Jetzt heißt es schrill „sind die Führerscheine der Eltern aber schon im Landkreis ausgestellt ja?!“
- „Nein, in der Stadt München.“
- „Ja, dann müssen sie aber die Karteikarten abschreiben lassen und an die Verwaltung für den Landkreis schicken lassen. Steht doch auch alles dort drin.“
Ich hatte beide Originalführerscheine (Anmerkung: Ich mach’ Führerschein ab 17, deshalb brauchen die das Zeug meiner Eltern
), beide Reisepässe und noch eine Erziehungsberechtigte live dabei, habe daheim alle Form- und Infoblätter, die ich erhalten habe, dreimal durchgefieselt und jetzt will SIE mir belehrend weismachen, dass es dort stünde. Kurz und knapp meine Reaktion also.
- „Nein, das steht dort nicht dran.“
- „Tja, dann sage ich das jetzt aber.“
Haha. Jetzt müssen also die Karteikarten (!) aus dem Kreisverwaltungsreferat der Stadt München abgeschrieben (!!) werden und per Post (!!!) an die Verwaltung im Landkreis geschickt werden. Wahrscheinlich auch noch handschriftlich, fehlt nur noch die Brieftaube?
Jetzt wird also mein Führerscheinantrag von der Gemeinde aus zur Führerscheinstelle des Landkreises geschickt (ebenso auch die abgeschriebenen Karteikarten – heißt tatsächlich Karteikartenabschrift, man darf sich auf den Seiten des KVR München überzeugen). Von dort bekomme ich dann eine Rechnung über die Antragsgebühr (hätte ich die nicht einfach bar bei der Gemeinde zahlen können?), sobald die Führerscheinstelle die Bestätigung hat, dass ich diese bezahlt habe, wird dann der Antrag nach Berlin geschickt, dort wird meine schicke Plastikkarte hergestellt, und irgendwann darf ich mir diese dann (von welcher Stelle auch immer) abholen. Feine Sache.
Aber nein, diese Bürokratie-Overdose war für heute aber nicht genug. Davor bei meiner Gebärmutterhalskrebsschutzimpfung musste ich zuerst hoch in die Praxis laufen, um mir dann ein Privatrezept zu holen, dann wieder runter laufen, zur Apotheke gehen, 160€ + Rezept auf die Theke legen und mir den Impfstoff aus dem Kühlschrank geben lassen, zurück zur Praxis laufen und mir dann dort von der Ärztin die Spritze verpassen lassen. Weil die Praxis den Impfstoff nicht lagern darf.
Sollte ich mir die nächste Wand suchen, oder doch einfach bis 2067 warten? Vielleicht trägt der vermeintliche Bürokratieabbau ja dann auch tatsächlich Früchte.