Archiv fürPseudo-Journalismus

Die Tage sind wild…

Ein „Radiofest“, ein Rundfunkhaus, eine Horde Schüler, die dazu gezwungen wird, Seminare und Projekte zum Thema Radiojournalismus zu besuchen.

Und mittendrin ich.

Der erste Tag des Radiofests des Bayrischen Rundfunks („Wilde Tage“ genannt) ist vorbei, und ich hatte das Vergnügen zusammen mit 120 anderen Schülern meiner Jahrgangsstufe dort zugegen zu sein. Die Internetpräsenz zu der Veranstaltung sagt einem doch glatt, dass man Mikro und Mischpult checken soll – es versprach eine Gaudi, ja eine Freude für mich zu werden, die doch einmal in der weiten Welt des Journalismus sesshaft werden will und in der Branche ihr Brot verdienen will. Ein Blick ins Programm tat sein übriges. Presserecht, Musikfarben, Workshops zu Formen wie Reportage oder Interview, aber auch Theaterfechten oder Bodypercussion für diejenigen, die mit dem Medium Radio nicht allzu viel am Hut haben, wurden angeboten. Recht schnell jedoch brach die Ernüchterung über uns zusammen, und das in Form von 8 Altpapier-Kuverts.

Denn man kann nicht frei entscheiden, welche „Audiomaxx“-Workshops man besucht, nein, jede Schule bzw. jede Klasse hat ein Ticketkontingent für diverse Workshops bekommen. Dass diese jedoch nur etwa eine Einführung ins Podcasting oder ein 3stündiger Vortrag zum Thema Dramaturgie waren, daran konnten sich dann noch weniger erfreuen, als ohnehin schon. Gründe hierfür? 8€ muss man löhnen um Zutritt für beide Tage des Radiofests zu bekommen, zwei Workshops pro Tag sind Pflicht, einer am Vormittag, einer am Nachmittag (zumindest ist das an meiner Schule so vorgeschrieben).

Doch gut, zu diesem Zeitpunkt war ich immer noch frohen Mutes, hatte ich ja immerhin für den heutigen Montag ein Ticket für den Kurs „Einführung Podcasting“ und „Was ist Radiojournalismus?“ ergattern können.

Leicht unorganisiert ging es im Rundfunkhaus dann heute morgen zu, verloren wirkende junge Erwachsene (Praktikanten? *husthust*) mit Pappschildern (wie am Flughafen) sollten die Horde an gelangweilten Jugendlichen zu den einzelnen Workshopräumen führen – ich kam dann auch tatsächlich im Raum A bzw. dem Großen Sitzungssaal des BR an und durfte doch tatsächlich auf einem der bereitgestellten Tische Platz nehmen. Dann ging’s auch schon los, eine PowerPoint-Präsentation, ein Medienbetreuer des Rundfunks (der übertrieben gut präsentieren wollte und wohl dachte, dass er durch seine Art sicher auch gleich für die Comedy-Abteilung des BR verpflichtet wird) und eine freie Podcasterin erzählten so einiges. Was ein Podcast ist, dass man dazu dies und das braucht, und natürlich: Welche Podcasts stellt der Bayrische Rundfunk auf seiner Website wo genau und wie zur Verfügung, wie heißt der Podcast der Podcasterin, wie erfolgreich ist er…dass dann auf dem Handout auch noch die eMail-Adresse der Podcasterin (komisch, anhand dieser kann man auch seeehr leicht die URL ihres Podcasts ableiten…) zu finden ist, setzt der Werbeveranstaltung noch das i-Tüpfelchen auf. Fehlen nur noch Hochglanzflyer und gratis iPods mit BR-Sendungen für alle?

Ohne Pause erwartete mich anschließend gleich der Workshop zur Frage, was denn nun Radiojournalismus sei. Die Antwort sollte uns ein Redaktionsleiter von Bayern2radio geben, der seinen Vortrag ganz ohne PowerPoint-Präsentation (dafür mit Nostalgieradio zum Durchgeben) begann und quasi eine Stunde lang Hörbeispiele der einzelnen Sender des Bayrischen Rundfunks vorführte, um anhand dieser zu zeigen, was Radiojournalismus nun eigentlich sei. Mit dabei jeweils ein ausführliches Profil jedes Senders, eine Antwort auf die Themafrage des „Workshops“ gab’s jedoch leider nicht, so dass ich am Ende nur noch von der Freundin neben mir abgehalten wurde, ihm auf seine Frage, ob es Nachfragen gebe, zu entgegnen, was eigentlich Radiojournalismus sei.

Soweit also mein Intermezzo beim Radiofest des BR, morgen folgt noch ein Tag. Was habe ich bisher mitgenommen?

  • Den Verdacht, dass der Bayrische Rundfunk eine Menge Geld kassiert (8€ pro Person – allein meine Jahrgangsstufe bringt also fast 1000€ mit) um seine Werbung an den Mann bzw. den Jugendlichen zu bringen. Immerhin ist das Durchschnittsalter aller fünf Sender aus dem Rundfunkhaus weit über 50, das Image bei den Jungen ist dafür nur umso schlechter (kein Wunder, nach diversen Streitereien um nichtvorhandene Jugendwelle und Abschaffung der fast einzigen seriösen Radiosendung für die Generation der 20jährigen)
  • Eine Jutetüte samt Inhalt. Die wurde mir auf dem Weg zum Workshop aufgezwungen:

Gut zu sehen ist das Logo der Deutschen Bahn auf der Jutetüte selbst (eine BR-Mitarbeiterin meinte auf Nachfrage, dass die Bahn als Sponsor selbstverständlich auch auf den Jutetüten verewigt wird), innen drin fand sich dann ein Programmheft für das Radiofest selbst, ein Heft „Blick Richtung Medien – Das BR-Angebot für Jugendliche“ (komisch hier werden nochmal alle Sender im Genaueren vorgestellt…), ein Heft „Programmvielfalt, Unabhängigkeit, Qualität – Informationen zu den Rundfunkgebühren“ (damit wir uns auch alle brav bei der GEZ anmelden), ein Flyer zu einem Schulradioprojekt, ein Notizblock mit BR-Logo, eine Packung Taschentücher (gesponsort), einen Werbeflyer des ADAC-Jugendclubs und noch ein Werbeflyer fürs Ferienticket der Bahn. Wenn das mal keine Ausbeute ist, morgen gibt’s sicher mehr.

Impressionen aus’m Hasenbergl

Was.ist.das.Hasenbergl, und wieso sollte es mich interessieren, was für Impressionen man aus diesem Viertel mitnimmt, mag sich der schlechtgelaunte Blogleser nun denken. Kurz also erläutert:

Was für Berlin Marzahn (oder einst wohl auch Kreuzberg), das ist für München u.A. Hasenbergl. Wohl das typische “Arme-Leute-Viertel” (allerdings, gleich vorne weg: Der Ausländeranteil liegt nicht wirklich erheblich über dem Münchner Durchschnitt).

Zu den Impressionen komme ich erst später, denn was mich Vorstadtkind ins Hasenbergl führt ist eine andere Frage. Für mein Schulseminar (Radiojournalismus), in dem wir an einem deutschlandweiten Wettbewerb teilnehmen und eine Radiosendung erstellen müssen, muss ich einen Beitrag erarbeiten. Das Thema unserer ganzen Sendung lautet “Jugendliche in der Unterschicht”, das meine Beitrags bezieht sich speziell auf die Bildung und die Perspektiven in der Bildung für solche Jugendliche. Heute ging es also mit einem Mitstreiter (einst waren es zwei, doch hat der zweite eine außerordentliche Glanzleistung im Kotflügeltouchieren hingelegt, so dass er kurz vor endgültiger Abreise doch lieber seinen Hals retten wollte) ins Hasenbergl zu einem Tauchbuchladen, der für die Anwohner eine kostenlose Möglichkeit bietet, an Lesestoff zu kommen. Die Stadt München war so schlau, und hat für kommenden Januar die Verlegung der Stadtbibliothek Hasenbergl bzw. den Zusammenschluss mit der Bibliothek eines benachbarten Viertels, beschlossen, so dass ab diesem Zeitpunkt nur noch der Tauschbuchladen als Anlaufstelle vorhanden ist.

Dass das Interview mit der Leiterin des Ladens bestens lief sei kurz bemerkt, doch ist dies nicht der Kern dieses Blogeintrags. Eher war ich überrascht – oder fast schon geschockt – dass sämtliche Klischees und Vorurteile, die über dieses Viertel jemals den Weg zu mir gefunden haben, in irgendeiner Art und Weise wohl tatsächlich zutreffen.

Kaum dass wir den U-Bahnhof Hasenbergl verlassen und an der Bushaltestelle warten, sehen wir auch schon mindestens eine pseudo-aufgemotzte, röhrende Kiste mit dröhnendem, schlechten Deutsch-Hip-Hop an uns vorbeibrettern. Wenige Leute liefen hier herum, und das am frühen bis späteren Nachmittag. Wenn dann doch mal Passanten unseren Weg kreuzten, dann waren es Senioren, Kinder oder Jugendliche, oder Mütter mit kleinen Kindern. Männer zwischen 19 und 55 sind zu dieser Zeit anscheinend allgemein Rarität. Zwar gibt es viel Grün (mehr als ich erwartet hätte), viele Bäume die Schatten werfen – oder stechen sie unter den grau-bläulich-braunen Plattenbauten und Hochhäusern umso mehr hervor als woanders? Auf jeden Fall fand ich es sehr bedrückend, die breiten Straßen entlang zu gehen und nichts außer ab und zu mal dröhnendem Bass zwischen den Häuserfronten zu hören. Hier und da befand sich jemand auf seinem Balkon, zog aber dann auch schon in Rekordgeschwindigkeit wieder ins Innere seiner Wohnung ab. Insgesamt bot sich uns eine recht trostlose Fassade, hinter der aber sicherlich und hoffentlich nicht nur ebenso trostlose Menschen leben…sonst, hurra Deutschland, hurra München, du Stadt mit der die Meisten nur das Oktoberfest oder Grünwald und Konsorten assozieeren, hohe Mieten und ein recht passables Stadtbild – aber die Wenigsten eine Stadt mit ebenso sozialen Problemen und Brennpunkten.